Für Dirk. Für immer.

Zwei kuschelnde Teddybären
Liebe endet nicht mit dem Tod

‚Komm klar!‘ heißt der Slogan dieses Blogs. Er sollte in schwierigen, komplexen, herausfordernden Situationen wie der Pflege geliebter Menschen helfen, zumindest mit Informationen.

Aber: Momentan komme ich nicht klar. Deshalb wird dieser Blogbeitrag der letzte sein.

Dirk ist tot. Mein geliebter Mann, der mir so nahe war und ist, wie kein anderer Mensch, ist im März gestorben. Es zerreißt mir das Herz, es dreht mir den Magen um, es schnürt mir den Hals zu. Dirk fehlt mir jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde.

Der radikale Abbruch jeglicher Kommunikation macht mich fast verrückt. Verbal, non-verbal – NICHTS erreicht mich mehr von Dirk. Wie kann man das ertragen?

Ich dachte, mich ausreichend auf diesen Moment vorbereitet zu haben. Wir hatten dafür jahrelang Zeit und uns kognitiv schonungslos mit dem Ende auseinandergesetzt. Es gelenkt, organisiert und geplant, so gut man das eben kann.

Aber dieses Ereignis war in seiner tiefen Schwere und absoluten Endgültigkeit außerhalb meiner Vorstellungskraft. Vielleicht außerhalb meiner ’seelischen Vorstellungskraft‘, denn mein Verstand weiß natürlich, dass es den Tod gibt. Aber mein Herz begreift diese existenzielle, totale Abwesenheit noch immer nicht.

Diese unglaubliche Verbundenheit, die wir geteilt haben, erwuchs zum einen aus einer umfassenden Seelenverwandtschaft (ja, das Wort ist total abgelutscht, aber es trifft mein Gefühl, so what!), zum anderen aus vielen gemeinsam gemeisterten Herausforderungen und nicht zuletzt auch aus unserer jahrelangen Pflegesituation.

Fast jeden Tag umeinander, beieinander, miteinander zu sein. Keinem Wort, keinem Streit, keinem Gefühl, keinem Schweigen aus dem Weg gehen zu können; sich auseinander setzen müssen, sich zueinander hin und voneinander weg bewegen, sich immer wieder begegnen, seinen Ängsten, seiner Schwächen, seiner Liebe. Das verändert die Beziehung und einen selbst. Das lässt einen zusammenwachsen – und zusammen wachsen.

Niemand kannte mich so gut wie Dirk, dieser wundervolle, charakterstarke, pragmatische und doch feinsinnige Mensch. Niemand teilt jetzt noch meine ‚Monster‘ mit mir, niemand sonst ’sieht‘ mich wirklich, in allen Facetten. Mit Dirk hatte ich zum ersten Mal in meinem ganzen Leben das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein, auf dieser beschissen harten Welt.

Es war nicht alles rosarot. Es gab in unseren 14 gemeinsamen Jahren (mehr als die Hälfte davon, nämlich 8 Jahre, hat das Arschloch ALS mit uns gelebt) auch ein paar Monate, in denen wir gefühlt auf anderen Umlaufbahnen unterwegs waren. Weil wir auch nur Menschen waren / sind – und als solche nun mal alles andere als perfekt. Weil das Schicksal uns ein paar dicke Brocken hingeworfen hat. Aber wir haben uns nie aufgegeben, weil wir wussten, dass wir füreinander die ‚Nadel im Heuhaufen‘ waren. Die eine Liebe, die Alles wert ist!

Mein geliebter Schatz: Mir fehlen unsere ‚philosophischen Mittagsgespräche‘ so sehr. Unser wertvoller Austausch über den Kosmos, Gott und die Welt. Mir fehlt unser Humor, unser wortloses Verständnis, unsere gegenseitigen Herausforderungen, unsere gemeinsame Liebe zu gutem Essen und Quizsendungen. Mir fehlen Deine intelligenten und lieben Augen, die Art wie Du mich anschaust, wie Du sprichst, Dein Geruch. Dein abendliches ‚Gute Nacht, kleiner Biber….‘,

Mir fehlt die Sicherheit, die Du mir vermittelt hast, und das Gefühl so geliebt zu werden, wie ich bin. Mir fehlt Dein Korrektiv, Deine Klarheit, Deine Weisheit, Deine Verlässlichkeit. Mir fehlt Deine Liebe. Mir fehlst DU!

„Gehst Du jetzt nicht mehr weg?“

„Ich gehe nicht mehr weg.“

„Nie mehr?“

„Nie mehr.“

(Quelle: Wir ♥)

Wir dachten nur, unser irdisches „für immer“ sei länger.

Ich liebe Dich! Für immer. Für ein kosmisches Immer.

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2 Kommentare

  1. Liebe Bianka,
    ich möchte auf Deinen letzten Blogeintrag antworten. Dein letzter Blogeintrag zum Tod Deines Mannes bewegt mich sehr, und ich kann auch für mich nahezu jede Zeile Deines letzten Eintrages unterstreichen, denn ich bin gerade in einer vergleichbaren Situation.
    Es ist mir sehr wichtig, Dir zu sagen, dass mir Dein Blog über die vergangenen drei Jahre wirklichen Halt und Beistand, oft auch Trost im Sinne des Wortes gegeben hat. Ich war nicht allein mit meinen Sorgen, Ängsten, Fragen, Erfahrungen.
    Ich hatte in einem – meinem bisher einzigen – Kommentar gleich kurz nach Entdeckung des Blogs meine Meinung zu Deinen Anmerkungen zu Fragen, Bemerkungen „wohlmeinender“ Mitmenschen geäußert.
    Damals, vor drei Jahren, hatte ich gerade ein halbes Jahr vollständig aufgehört zu arbeiten, um meinen Mann mit seiner Alzheimer-Demenz-Erkrankung (damals im 7. Jahr nach der frühen Diagnose mit 58 Jahren) zu Hause zu betreuen.
    Du hattest mir viel Kraft gewünscht und für die schlimmen Momente auch mal eine Prise schwarzen Humor.
    Ich habe beides gebraucht, und meist auch in der nötigen Stärke aufwenden können.
    Nun ist mir aber das passiert, was auch bei Dir eingetreten ist.
    Mein lieber, trotz seiner Krankheit immer gutmütiger, gerne sich an schönen Dingen erfreuender, warmherziger Mann ist tot, im April kurz vor seinem 68. Geburtstag gestorben nach 9 Jahren gemeinsamem Kampf, bei uns gegen das Arschloch Alzheimer-Demenz.
    Es ist mir nicht gelungen, die Pflege zuhause bis zum Ende durchführen. Nach einem Sturz mit Wirbelbrüchen mussten wir vor einem dreiviertel Jahr die Hilfe eines nahegelegenen und guten, lange ausgesuchten Pflegeheims in Anspruch nehmen; zuhause waren die baulichen Möglichkeiten nicht gegeben, eine angemessene Lebensqualität im Rollstuhl noch zu ermöglichen. Er hätte die Wohnung nicht mehr verlassen können.
    Ich bin weiterhin fast jeden Tag, mindestens 5 Tage in der Woche, bei meinem Mann gewesen, habe ihm die Mahlzeiten mittags, nachmittags und abends selbst gegeben und ihn beim Einschlafen begleitet. Vor allem an den Wochenenden war ich jeden Tag bei ihm, weil das Personal dann nicht in ausreichender Personalstärke vorhanden war, um das Essen in Ruhe und angemessen zureichen zu können. Es ging ihm den Umständen entsprechend gut, er war dort in seinem Zimmer mit Ausblick in den Park angekommen, was ich ihm mit seinen Lieblingsbildern, Möbeln aus seinem Zuhause und den Lieblingsstücken seiner kleinen Keramiksammlung einrichten konnte. Vom Balkon konnte er das Haus mit unserer Wohnung sehen – Freunde und Bekannte haben ihn besucht; er hat mich und auch sie noch meist erkannt. Oft konnten wir raus in den wunderschön angelegten Garten und mit dem Rollstuhl lange Spazierfahrten unternehmen. Daran hatte er großes Vergnügen.
    Am Samstag, d. 14. März war ich das letzte Mal bei ihm. Es war ein schöner, sonniger Tag, wir waren lange draußen im Garten. Dann kam die absolute Corona-Besuchssperre; schon am Sonntag durfte ich nicht mehr in das Gebäude. Trotz meines Drängens, Bittens, täglichen Nachfragens bekam ich keine Ausnahmegenehmigung. Ich durfte lediglich seine Lieblingsspeisen an der Tür abgeben.
    In der zweiten Woche erhielt ich Anrufe der Pflegeleitung, es stellten sich zunehmende Schluckbeschwerden ein; es bestünde die Gefahr einer Lungenentzündung durch Aspiration von Speisen … auch da erhielt ich weiterhin keinen Zugang zu meinem Mann. Wenigstens eine Stunde am Tag- mit eigenem Mund-Naseschutz und Handschuhen, Desinfektion usw. hätte ich ihm doch eine Mahlzeit geben können, mit der nötigen Ruhe, Zuwendung und Kenntnis seines Essvermögens – nicht zuletzt mit seinem Vertrauen zu mir. Die Argumente zählten nicht; Zugang gäbe es nur für Bewohner in der „finalen Phase“… Ich wurde weiter abgewiesen; erst müsse die Diagnose eines Logopäden eingeholt werden (dabei sind zu dieser Zeit nicht einmal die Hausärzte in das Pflegeheim gegangen), dann könne man eventuell eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Dazu sollte es nicht mehr kommen, in der dritten Woche erhielt ich die Nachricht, mein Mann wäre mit einer Lungenentzündung in das nahe gelegene Krankenhaus gebracht worden.
    Dort verstarb er nach langem, schwerem Kampf am Ende der vierten Woche, die Antibiotika halfen auch nach mehreren Versuchen nicht.
    Mit der Stationsleitung im Krankenhaus hatte ich großes Glück im Unglück – nachdem nach drei Tagen durch Test feststand, dass es sich nicht um Corona handelt, durfte ich meinen Mann nach Ostern erst stundenweise besuchen – er erkannte mich wieder, trotz extrem hohen Fiebers. Als feststand, dass es keine Heilung geben würde, durfte ich trotz Corona-Regimes im Krankenhaus verbleiben, im zweiten Bett des Zimmers die Tage übernachten und bis zu seinem letzten Atemzug bei ihm bleiben. Es ist mir ein großer Trost, dass ich es geschafft habe, meinen Mann auf diesem Weg in den letzten Tagen und Stunden zu begleiten, er musste nicht alleine gehen. Und ich bin sehr dankbar, dass mir das Krankenhaus diesen Weg ermöglicht hat.
    Und jetzt bin auch ich allein – mit meinen Fragen und Selbstzweifeln, auf die es keine tröstenden, befriedenden Antworten gibt, geben kann.
    Da hilft im Moment auch der schwarze Humor nicht mehr viel weiter.
    Aber eins noch: ich war am Jahresanfang – halt noch vor Corona – Deiner Buchempfehlung gefolgt und hatte mir über Deinen Amazon-Link Constanze Kleis „Sterben Sie bloß nicht im Sommer – und andere „Wahrheiten die Sie über Ihr Ende wissen sollten“ bestellt, und, nach dem Lesen, noch eine Handvoll Exemplare dazugekauft, um sie an die Bekanntschaft und Verwandtschaft zu verteilen. Denn ich bin mit Dir einer Meinung: Es ist ein gutes Buch, ich kann die Erfahrungen mit dem „System“ Pflege nach insgesamt 9 Jahren leben mit Alzheimer-Demenz bei meinem Mann bestätigen, und, ja, es hat mich auf keiner Seite gelangweilt, es ist unterhaltsam in all seiner Ernsthaftigkeit. Ich halte es für wichtig, nicht nur für die, die schon Erfahrung mit dem System gemacht haben, sondern auch für diejenigen, die dies noch nicht getan haben. Eine kleine Vorwarnung, sich mit dem Thema zu befassen; vielleicht aufmerksam zu werden und genauer hinzuhören, hinzusehen. Auch wenn es dann vermutlich noch mangels eigener Erfahrung etwas unglaubhaft erscheinen mag. Wegen Corona hatte ich meine Exemplare noch nicht verteilt gehabt vor dem Sommer; und nun, nachdem ich meinen lieben Mann erst in der vergangenen Woche seinem Wunsch gemäß in seiner geliebten Ostsee bestatten konnte, erscheint mir eine zeitnahe Verteilung des Buches auch irgendwie unpassend. Ich werde wohl bis zum Herbst damit warten.
    Liebe Bianca, nochmals Danke für Deine große Hilfe durch den wirklich gehaltvollen und ehrlichen, offenen Blog über die letzten Jahre – das Beste, was ich in dieser Hinsicht gefunden habe – verbunden vielleicht mit dem Ausblick auf die Hoffnung, irgendwann doch wieder klar zu kommen – im Spiegel des bisher Erlebten und mit Erwartung auf Kommendes.
    Das wünsche ich uns.

    • Liebe Katrin,

      jetzt hast DU mich mit Deinen Worten tief berührt – und in dieser Ergriffenheit fast sprachlos gemacht. Ich versuche trotzdem Dir ein paar gute Worte zurück zu geben:

      Zunächst tut mir der Tod Deines Mannes und das, was Ihr am Ende erleben musstet, so unfassbar leid! Ihr hattet 9 Jahre Leben mit Krankheit, wir 8 Jahre. Dein Mann ist im April gestorben, meiner im März. Und doch gab es einen entscheidenden Unterschied (ein Punkt, über den ich auch bisher schon ganz oft nachgedacht habe): Die Auswirkungen von Corona.

      Ich grüble alle paar Tage darüber nach, wie es wohl gelaufen wäre, wenn mein Mann im Hospiz zeitlich nicht eine ‚Punktlandung‘ geschafft hätte (so war er schon immer, das war authentisch, ganz Dirk!). Ein oder zwei Tage später wurden auch dort die Schotten dicht gemacht. Ich hätte es mir NIE verzeihen können, wenn ich ihn in seinen letzten Tagen nicht hätte begleiten dürfen, wenn ich ihn im Sterbeprozess hätte alleine lassen müssen! Das ist ein so furchtbarer Gedanke, dass er mich sogar jetzt noch umtreibt, obgleich es so gar nicht gekommen ist – aber es war haarscharf. Ich glaube, dass die meisten Menschen den Tod des geliebten Menschen irgendwann verarbeiten können (jede/r auf seine / ihre eigenen Art und Weise und in eigener Geschwindigkeit). Aber davon ausgesperrt zu sein, den geliebten Menschen trotz anders lautendem Versprechen begleiten zu dürfen, das hätte für immer auf mir gelastet!

      Insofern habe ich beim Lesen Deines Textes im Verlauf eben so sehr gehofft, dass Dein Mann nicht alleine im Pflegeheim versterben muss, bevor Du nochmal an seiner Seite sein konntest! Das muss eine furchtbar schreckliche Zeit und Erfahrung für Euch Beide gewesen sein und der Gedanke zerreißt mir selbst jetzt ‚in der Theorie‘ noch das Herz. Es ist so gut, dass Du im Krankenhaus dann auf Menschlichkeit gestoßen bist und wieder bei ihm sein durftest, sogar dort übernachten. Und es ist so gut, dass Dein Mann Dich auch erkannt hat und es wahrgenommen hat, dass Du auch in diesem Moment für ihn da warst! Das nimmt Dir keiner mehr.

      Zum anderen ist es unglaublich schön zu lesen, dass die Arbeit mit und an diesem Blog eine so große Hilfe für Dich war. Das hätte ich in der Art nicht zu hoffen gewagt und das gibt den Herausforderungen, den Kämpfen, der existenziellen Erfahrung der letzten Jahre nochmal eine Art von ‚Bedeutung‘, die über das rein individuelle Erleben hinausgeht. Wie sehr hätte es auch meinen Mann Dirk gefreut, das zu lesen und zu sehen, dass meine Anstrengungen ein kleines bisschen hinaus (hinein?) in die Welt gewirkt haben!

      Aber Du hast völlig recht: In der aktuellen Situation hilft auch kein schwarzer Humor mehr. Man ist auf die pure Erfahrung von (Nicht-)Existenz zurückgeworfen. Man muss damit klar kommen, dass die Kommunikation mit dem einen Menschen nicht mehr möglich ist, null, niente, nichts geht mehr! Gerade im emotionalsten, existenziellsten Moment des Lebens kann man mit dem Lieblingsmenschen, der einem so nahe ist, nicht mehr kommunizieren, nicht verbal, nicht non-verbal. Er ist so sehr weg, so überdeutlich abwesend! Das ist nicht meine erste Erfahrung mit sterbenden Nahestehenden – aber eindeutig meine emotional schlimmste.

      Katrin, ich fühle sehr mit Dir und mir laufen auch jetzt gerade wieder die Tränen das Gesicht runter. Aber ich freue mich, dass meine Buchempfehlung auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Und es ist ein schöner Gedanke, wie Du die Asche Deines Mannes in der Ostsee verstreust. Und ich freue mich, dass Dein und mein Mann den Übergang auf die andere Seite nicht ohne uns bewältigen mussten. Und ich freue mich, dass mein Mann nun hoffentlich seinen ‚Sound of Silence‘ und eine Energie voller Liebe genießen kann. Und Dein Mann hoffentlich, was immer er sich von der anderen Seite erhofft hat. Und ich hoffe ebenso wie Du, dass wir und alle Anderen, die ‚den einen‘ Menschen verloren haben, „im Spiegel des bisher Erlebten und mit Erwartung auf Kommendes“ irgendwann doch wieder klar kommen!

      Alles Liebe,

      Bianca

      PS: Falls Du möchtest, kontaktiere mich gerne unter info@angehoerigenpflege-kk.de und wir tauschen unverbindlich Email-Adressen aus.

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