Pflegt bloß nicht!

Angehörigenpflege macht krank und arm

Provokanter Einstieg? Ja. Aber das ist mein Resultat nach über sieben Jahren Angehörigenpflege und den Erfahrungen der letzten Monate!

Diese auf der Empirie basierende subjektive Erkenntnis ist das Ergebnis eines vom Kapitalismus durchsetzten Gesundheitssystems. Ein Ergebnis von politisch gewollter Verantwortungsdiffusion, pluralistischer Ignoranz und ausuferndem Pflegenotstand.

Ich würde gerne ins Detail gehen – habe aber weder die Zeit noch die Kraft dazu. Denn ich pflege seit mehr als sieben Jahren und bin nun angemessen gehetzt, gestresst und erschöpft. Mein an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) erkrankter, schwerstpflegebedürftiger Mann benötigt mittlerweile rund um die Uhr Betreuung. Das Problem dabei: Die bekommt er nicht.

Dabei ist nicht alles schlecht: Wir bekommen durch das Sozialamt seit einiger Zeit »Hilfe zur Pflege« und haben im Arbeitgebermodell (siehe Beitrag zur Behindertenassistenz) Leute eingestellt, die mit mir zusammen die Betreuung und Pflege meines Mannes übernehmen (weil das kein Mensch alleine 24/7 bewältigen kann!).

Eigentlich eine hilfreiche Sache. Wäre da nicht die Praxis, die den eigentlichen Rechtsanspruch konterkariert, denn: Man findet kein Personal! Der Pflegenotstand ist da und er kann in seinen unmenschlichen Auswirkungen gar nicht überschätzt werden.

Dass wir überhaupt Helfende gefunden haben, liegt einzig und alleine daran, dass ich rund die Hälfte meiner Lebenszeit mit diverser Administration sowie Personalsuche, Personalverwaltung und Einsatzplanung verbringe. Anstatt mit der liebevollen Pflege meines Ehemannes oder mit meinen eigenen Bedürfnissen.

Hat man nach Monaten mühsam eine/n Minijobber/in gefunden (meist unter Verzicht auf den eigentlichen Wunsch nach einer examinierten Fachkraft, denn der Markt ist komplett leer gefegt), hat sich der Zustand meines Mannes schon wieder verschlechtert, so dass mehr Betreuung gebraucht wird, so dass mehr Personal gesucht werden muss, das es nicht gibt…

Kürzlich hat sich das Befinden meines Mannes durch einen Infekt dermaßen verschlechtert, dass Erstickungsängste, mehrere schlaflose Nächte in Folge und der Rettungsdienst im Spiel waren. Er ist seitdem nicht mehr auf den Zustand vor dem Infekt gekommen und braucht nun rund um die Uhr Hilfe.

Zeit für Intensivpflege, dachten wir.
Bei einem ALS-Patienten eine Selbstverständlichkeit, dachten wir.
Erst recht jetzt, wo die Erhöhung auf Pflegegrad 5 durch ist, dachten wir.

Wir sollten das Denken sein lassen:

Trotz ärztlicher Verordnung von Behandlungspflege hält uns die Krankenkasse seit Wochen hin. Hat die Sache, ohne sich selbst mit einer Entscheidung die Hände schmutzig machen zu müssen, an den MDK weiter gegeben, der eine Entscheidung treffen soll. Möglichst weit weg vom eigentlichen Patienten. Unanrufbar (!), unangreifbar, anonym. Keine Möglichkeit, eine reale Person mit einem realen menschlichen Leid zu konfrontieren.

Dirk wird nicht beatmet, weil er das nicht möchte. Den unausweichlichen Tod nicht durch Geräte verlängern möchte. Nicht länger als unbedingt nötig bewegungsunfähig im Bett liegen und vor sich hin vegetieren möchte. (ALS ist ein unerbittliches Arschloch.) Der MDK fordert deshalb irgendwelche Arztberichte, die wir nicht haben. Jetzt scheint die Behandlungspflege an Unterlagen zu scheitern.

Und an mangelnder Kraft – was gewollt ist! Wer jahrelang pflegt, ständig mit Ämtern, Kassen und Behörden kämpft (irgendwas ist immer), wegen der Pflege von ALG II leben muss, nachts nicht mehr gut schlafen kann, seine eigene Gesundheit seit Jahren hintenanstellt, der hat – selbst bei besten Voraussetzungen und einer umsetzungsstarken Persönlichkeit – irgendwann einfach keine Kraft mehr zu kämpfen. Wie praktisch.

Nebenbei ist übrigens noch eine Person zu pflegen, mit der man sich mal ein ganz normales Leben vorgestellt hatte, so mit durch die Stadt schlendern, zusammen Wohnung putzen, Freunde treffen und einem Urlaub, ab und zu. Da ist jemand, der langsam an einer fiesen Arschloch-Krankheit verreckt und das alles nicht verdient hat. Nur deswegen mache ich das alles noch mit.

GEWINNER:

Das Gesundheitssystem, die Verantwortungsdiffusion, die Bilanzen der Kranken- und Pflegekassen, die Unmenschlichkeit, die Ignoranz.

VERLIERER:

1) Ein todkranker, fast vollständig gelähmter Mittvierziger, der mittlerweile des Lebens überdrüssig ist; woran nach eigener Aussage zu mindestens 25% der ständige, widerwärtige, unwürdige Kampf mit Institutionen Anteil hat (!)

2) Eine von den zermürbenden Pflegejahren gezeichnete, komplett desillusionierte Mittvierzigerin, die als Dank für die jahrelange Pflege ihres Ehemannes mit Hartz IV und Altersarmut ‚beschenkt‘ wird

3) Der solidarische Gedanke.

Ich würde Euch jetzt gerne mehr erzählen. Aber ich muss ungefähr 387 sehr private Unterlagen (nebst allen Kontoauszügen der letzten sechs Monate) zusammenstellen.

Denn das persönliche Budget, mit dem wir über die »Hilfe zur Pflege« unsere lieben Unterstüzter/innen (Danke!) bezahlen, läuft Ende des Monats aus. Wenn ich die Unterlagen für den Weiterbewilligungsantrag und das mehrseitige Formular dazu nicht in Kürze ausgefüllt habe, stehen wir ab Dezember ohne Intensivpflege UND ohne »Hilfe zur Pflege« da.

Frei nach Max Liebermann oder Kurt Tucholsky oder irgendeiner anderen menschlichen Seele (die Zitateforschung ist sich da uneinig):

„Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!“

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3 Kommentare

  1. Das Empfinden und die Reaktion der Schreiberin sind nur allzu gut verständlich und nachvollziehbar. Ich bin tief berührt und kann es nur bewundern und der inneren Stärke der Betroffenen zuschreiben, dass sie in Anbetracht der Dauertortur und des Leids noch fähig ist, einen solchen Bericht zu schreiben. Der müsste weitergeleitet werden an die zuständigen Instanzen und an Politiker, die schnell einschreiten könnten.

  2. Alles nachvollziehbar. Kann dankbar sein, dass Männe „nur“ Spastiker ist,braucht auch Hilfe,aber es hält sich in Grenzen.die Arbeit,also das praktische tun ist ja gar nicht so sehr schwer und schlimm….wohlgemerkt hier bei uns. Was belastet, ist die unausweichlichkeit der Situation und dass wir quasi zusammengekettet sind. Ich kann eben nicht mal alleine kurz ein Wochenende wegfahren,wenn mich eine Veranstaltung interessiert speziell für Hörgeschädigte. Wo bleibt dann Männe? Kurzzeitpflegeplätze sind äusserst rar und nur durch langfristige Vorausplanung zu realisieren. Die Hausleitungen der pflegeheime mögen diese kurzzeitpflege nicht so gern anbieten,habe ich gehört,weil sie viel Arbeit machen und zu wenig Geld einbringen. Also noch eine Not, die unlösbar ist,denn auch hier darf vermutet werden,dass Pflegekräfte fehlen. Traurig, das alles……und ja,ich Stimme der Schreiberin zu, es liegt auch am kapitalistischen System, denn nur durch Sparen beim Personal lassen sich überhaupt Renditen erwirtschaften. Andererseits frage ich mich, wie konnte es nur soweit kommen, dass die Pflegekräfte quasi bis zum Verschleiß hin „ausgequetscht“ werden ? Ist das weitgehende schweigen oder die Anordnung ,zu schweigen, nur der Angst vor Arbeitslosigkeit
    geschuldet ? Und ausserdem: welche Schwester,welcher Pfleger würde noch seines Lebens froh werden, wenn er wüsste, unter seinen Augen musste jemand sterben, weil’s zu wenig Pfleger gab….? Traurig das alles…Gruss D. Isserstedt

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