Sommerzeit, schreckliche Zeit

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Der Sommer ist da! Auch wenn Deutschland dieser Tage im Regen versinkt, kommt man doch um massenhafte Urlaubsimpressionen der Anderen nicht herum.

(Nur) Facebook-Neid?

Loggt man sich in Facebook ein, ertrinkt man nicht mehr im Regen, sondern in den ach so tollen Urlaubsfotos seiner Bekanntschaften: Weißer Sand, Sonne und türkisblaues Wasser in Portugal, auf Fuerteventura, an der Ostsee, in Bali, in Italien, in Thailand… wie sich die Bilder gleichen.

Meer mit Steg zu einer Hütte im Sonnenuntergang
© Bianca Bender (Auch wir hatten mal bessere Zeiten…)

Der Facebook-Neid ist schon bei nicht durch Pflege eingeschränkten ‚Durchschnittspersonen‘ ein Problem, wie eine Studie der Humboldt-Universität Berlin und der TU Darmstadt bereits 2013 zeigte. Wie soll das dann erst bei Leuten wie uns sein, den pflegenden Angehörigen, die ans Haus gebunden und von sozialer Teilhabe in vielen Bereichen ausgegrenzt sind? Mehr als ein Drittel der Befragten hatte nach der Facebook-Nutzung negative Gefühle, wie Frustration. Hauptgrund: Neid durch soziale Vergleiche! Neidbereich Nummer 1: Reisen und Freizeit.

„Dies wird durch die vielen geposteten Urlaubsfotos begünstigt, die besonders unter deutschen Facebook-Nutzern beliebt sind“, so Dr. Thomas Widjaja von der TU Darmstadt (Quelle: https://www.tu-darmstadt.de/vorbeischauen/aktuell/archiv_2/2013_1/einzelansicht_63808.de.jsp). Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen.

Im Real Life ist auch nicht immer alles besser

Nun könnte man entgegnen, dass man auf Facebook gut mal verzichten kann und dass man die Nachrichten von besonders reisefreudigen Facebook-Kontakten einfach nicht mehr in der Timeline anzeigen lassen kann. So mache ich das seit Längerem bei 80% meiner Kontakte auch (aus verschiedenen Gründen). Aber, liebe Mitpflegenden, die ‚Freunde‘ im Real Life sind oft auch nicht empathischer.

Hat man mal die Option, sich abends auf ein Kaltgetränk vor die Tür zu begeben und noch so viel Rest-Energie das dann auch tatsächlich zu tun, erwarten einen vor Allem: Bilder vom Smartphone und Urlaubsberichte! Von Stränden, Natur, Meer, Booten, Strandbars, Surfen, Essen, Trinken, Inselfahrten usw.  Ja, gaaaanz toll, Euer Urlaub! Habt Ihr fein gemacht, priiiiiiima…. Leute, Urlaub machen ist keine Leistung! Vielleicht liegt hier ein Missverständnis vor.

Neid und Ausgrenzung

Bin ich neidisch? Ja, das bin ich, sowas von! In erster Linie auf die Freiheit der Anderen. Auf deren Flexibilität, finanziell, aber vor allem auch organisatorisch. Denn:  „Pflegen macht arm und einsam!“ (siehe: Initiative gegen Armut durch Pflege).

Ich bin aber nicht neidisch, weil ich den ‚Anderen‘ da draußen den Urlaub nicht gönnen würde, sondern weil ich durch die Prahlerei der Reisenden immer wieder schmerzlich darauf hingewiesen werde, was ich alles nicht mehr kann und nicht mehr habe! Weil es mich an ein anderes, vergangenes Leben erinnert, das ich nicht mehr führen kann. Weil ich mich nicht nur ausgegrenzt fühle, sondern in vielen Bereichen von sozialer bzw. gesellschaftlicher Teilhabe ausgegrenzt bin.

Und wenn ich von mir rede, dann geht das sofort einher mit dem Gedanken „Wie soll sich dann erst mein Mann fühlen?“, der noch viel gebundener ist, noch viel weniger der Mehrheitsgruppe angehört, noch viel weniger teilhaben kann. Ist es überhaupt angemessen, diesen Beitrag aus meiner Position heraus zu schreiben? Erstaunlicherweise leidet mein Mann jedoch, was diesen speziellen Aspekt betrifft, deutlich weniger unter der Situation als ich. Vermutlich weil er aufgrund der Letalität seiner Krankheit an ‚die da draußen‘ keine Ansprüche mehr hat. Ich aber schon: Empathie, Rücksichtnahme, Respekt!

Und wenn ich von mir rede, dann weiß ich gleichzeitig, dass es Millionen von Euch da draußen gibt, denen es genauso geht, darunter nicht nur pflegende Angehörige, sondern auch Alleinerziehende, alte Menschen, Migranten, ALGII-Bezieher, ehemalige Strafgefangene und andere Menschen, die gerade das Pech haben, nicht der Mehrheitsgruppe anzugehören. Aber diese Menschen haben oft kein Selbstverständnis von sich als Gruppe. Weil jeder und jede für sich alleine in ihren kleinen Wohnungen sitzen. Sie sind leise. Die im Dunkeln sieht man nicht.

PS: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Post mit einem unserer eigenen Urlaubsbilder aus besseren Zeiten ausstatten soll und mich schlussendlich dafür entschieden. Jetzt, nachdem Ihr die Message des Beitrags kennt, verletzt es Euch hoffentlich nicht. Seht es als leise, unauffällige Message an die Mehrheitsgruppe da draußen: Wir hatten auch mal tolle Urlaube. Aber die Zeiten können sich schneller drehen, als einem lieb ist. Genießt das Leben, aber prahlt nicht. Reist so viel Ihr könnt, aber habt Empathie. Lebt, so intensiv Ihr könnt, aber habt Respekt. Ich bin froh über jede Reise, die ich unternommen habe, auch und gerade über die unvernünftigen!

(Quelle des Beitragsbildes: © Bianca Bender)

Ein Kommentar

  1. Wir gehen zwar noch ab und zu in den Urlaub, aber von allen denkbar möglichen Urlauben fallen 99,9 % weg. Ich suche meistens monatelang, bis ich etwas finde, dass 1. behindertengerecht und 2. kinderfreundlich ist.
    Einen Urlaub, den ICH gerne machen würde (einfach mal wieder drauf los fahren, richtig reisen) kann ich natürlich komplett vergessen.
    Unsere Urlaubsdomizile waren manchmal schon richtige „Behindertenghettos“. Man gewöhnt sich dran, wenigstens wird man da nicht von allen angestarrt, da alle im gleichen Boot sitzen.

    Bianca, könntest Du nicht Verhinderungspflege oder Kurzzeitpflege für Deinen Mann in Anspruch nehmen und alleine, oder mit Bekannten in Urlaub fahren? Manchmal muss man auch mal „egoistisch“ sein und nach sich selber schauen. Das bringt Deinem Mann langfristig mehr, als wenn Du Jahr für Jahr frustrierter wirst und irgendwann einmal vielleicht gar nicht mehr kannst…
    LG Steffen

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