Studie ermittelt tatsächliche Aufwendungen privater Haushalte für die Pflege

Titelblatt der Studie der Hans-Böckler-Stiftung zur Situation von Pflegenden
Die meisten Pflegebedürftigen werden in den eigenen vier Wänden von ihren Angehörigen versorgt. Was bedeutet die Übernahme dieser Aufgabe für die Hauptpflegepersonen und für die weiteren Helfer, die Pflege, Betreuung und hauswirtschaftliche Unterstützung leisten? Welche Rolle spielen professionelle Unterstützungsangebote? Welche zeitlichen und finanziellen Verpflichtungen gehen mit der Versorgung zu Hause einher? Die vorliegende Studie liefert umfassende Daten zu diesen Fragen. Sie zeigt dabei auf, dass Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit auch die Möglichkeiten der privaten Haushalte zur Bewältigung von Pflegebedürftigkeit prägen.

Die Hans-Böckler-Stiftung ist in einer gerade veröffentlichten Studie (Pflege in den eigenen vier Wänden: Zeitaufwand und Kosten) den Fragen nachgegangen, was die Übernahme von häuslicher Pflege für die Pflegeperson bedeutet, welche zeitlichen und finanziellen Verpflichtungen damit einhergehen und welche Rolle professionelle Unterstützungsangebote spielen. Wir fassen die Ergebnisse der Studie hier für Euch zusammen:

Wer pflegt?

Erwartungsgemäß sind die Haupt-Pflegepersonen überwiegend weiblich, es konnte jedoch ein Trend zur stärkeren Beteiligung von Männern bei der Pflege zu Hause ausgemacht werden.

Die häufigsten Beziehung der Pflegepersonen zum Pflegebedürftigen in absteigender Reihenfolge:

  1. Ehefrau/Lebenspartnerin (26%)
  2. Ehemann/Lebenspartner (22%)
  3. Tochter (29%)
  4. Sohn (10%)

Das bedeutet, von der untersuchten Grundgesamtheit an Pflegepersonen (n=1024) pflegen knapp die Hälfte (48%) ihre/n Lebenspartner/in. Einschränkend muss allerdings genannt werden, dass die Studie leider nur Pflegebedürftige ab 65 Jahren in die Stichprobe aufgenommen hat, die Ergebnisse also nicht unbedingt auf die Pflegesituation jüngerer und mittlerer Pflegepersonen übertragen werden können.

Wer unterstützt die Hauptpflegeperson bei der häuslichen Pflege?

Neben der Haupt-Pflegepersonen werden gemäß den Autoren der Studie vor allem weitere Angehörige (51%), Putzkräfte (35%), Pflegedienste (32%) sowie Freunde/Bekannte/Nachbarn (30%) und  in das Pflegearrangement mit eingebunden. Weitere Helfer sind Menüdienste (16%), Betreuungs-/Entlastungskräfte (12%), im Haushalt lebende Hilfskräfte (11%) und Ehrenamtliche (6%).

Immerhin 20% aller Pflegepersonen leisten die Pflege zuhause komplett alleine, ohne jede formelle (professionelle Dienste) oder informelle (Familie, Freunde) Unterstützung.

Zeitlicher Aufwand für die Pflege zu Hause

Über alle Pflegestufen hinweg (keine Pflegestufe bis Pflegestufe 3 (Befragung erfolgte vor der Umwandlung von Pflegestufen in Pflegegrade)) gaben die Haupt-Pflegepersonen einen immensen Aufwand von durchschnittlich 54,6 Stunden pro Woche (entspricht 7,8 Stunden pro Tag) an.

Dabei liegt der größte wöchentliche Zeitaufwand bei der Beaufsichtigung und Betreuung (ca. 16 Std/Woche), danach folgen hauswirtschaftliche Versorgung (13 Wochenstunden), Körperpflege, Mobilität und Ernährung. Nicht zu vernachlässigen: Durchschnittlich zwei Stunden pro Woche gehen für die reine Organisation der Pflege und Unterstützung drauf.

Wenig überraschend: Der durchschnittliche Zeitaufwand steigt mit den Pflegestufen, wobei bereits für Pflegebedürftige ohne Pflegestufe ein durchschnittlicher Zeitaufwand von 4,5 Stunden pro Tag angegeben wird.

Weitere Angehörige (neben der eigentlichen Pflegeperson) werden mit durchschnittlich 1,6 Stunden am Tag in die Pflege einbezogen, Freunde und Nachbarn mit durchschnittlich 1,5 Stunden am Tag. Extern sind Pflegedienste mit 1,2 Stunden pro Tag an der Pflege beteiligt, Betreuungs-/Entlastungskräfte mit 0,6 Stunden pro Tag und Putzkräfte mit 0,5 Stunden pro Tag. Wenn im Haushalt lebende Hilfskräfte in die Pflege mit eingebunden sind, dann mit beachtlichen 9,9 Stunden am Tag.

Finanzielle Aufwendungen für die Pflegebedürftigkeit

In der vorliegenden Studie wurde unterschieden zwischen Kosten für Hilfestellungen
durch das informelle Unterstützungssystem (Haupt-Pflegeperson, Angehörige, Nachbarn usw.) und Kosten für professionelle Dienstleistungen zuhause und in der Tagespflege (externe Dienstleister).

Für den informellen Bereich der ‚privaten‘ Versorgung wurde über alle Pflegestufen hinweg ein finanzieller Aufwand von 229 EUR pro Monat für die Haupt-Pflegeperson angegeben. Weitere Angehörigen haben einen Aufwand von rund 60 EUR im Monat, Freunde/Bekannte/Nachbarn von rund 58 EUR im Monat.

Der Aufwand unterscheidet sich deutlich nach Pflegestufen: Während bei der Pflege von Menschen ohne Pflegestufe für die Haupt-Pflegeperson Kosten in Höhe von etwa 78 EUR im Monat anfallen, liegt dieser Wert bei der Pflege von Menschen mit Pflegestufe III bei durchschnittlich 419 EUR im Monat.

Für professionelle externe Unterstützung wie Betreuungsleistungen, Putzkräfte, Investitionskosten oder Tagespflege fallen zusätzlich Kosten an. Diese wurden für die ambulanten Pflegedienste mit 208 EUR im Monat angegeben, für die Tagespflege mit 302 EUR im Monat und für Betreuungskräfte mit 137 EUR im Monat.

Weitere Kosten fallen für die Pflegehaushalte in den Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie, Fußpflege, Pflegehilfsmittel, Medikamente oder Krankentransporte an (über Zuzahlungen oder als Selbstzahler).

Die Autoren der Studie fassen zusammen: „Die durchschnittlichen Gesamtkosten, die ein Pflegehaushalt jeden Monat aufbringen musste, betrugen somit 362 Euro.“

Zusammenhang von Aufwand und sozialer Lage

Über alle Befragten hinweg ergab sich ein durchschnittliches Netto-Haushaltseinkommen von 2.392 Euro (der Median lag bei 2.000 Euro). In der Einkommensgruppe von netto 2.000 bis 2.600 EUR monatlich findet sich auch der Großteil aller Pflege-Haushalte wieder (26%).

Rund 5% aller befragten Haushalte haben weniger als 900 EUR monatlich netto zur Verfügung, ebenso viele mehr als 5.000 EUR.

Nach Pflegestufen betrachtet, zeigte sich eine (statistisch signifikante) Tendenz zu höherem Durchschnittseinkommen bei höheren Pflegestufen. Dieser Zusammenhang könnte zunächst aufgrund des Pflegegeldes vermutet werden, das mit der Pflegestufe steigt und in der Studie zum Einkommen hinzugezählt wurde. Die zentralen Unterschiede zwischen den wirtschaftlich stärkeren und schwächeren Haushalten bleiben jedoch selbst dann bestehen, wenn man das Pflegegeld aus dem Einkommen herausrechnet.

Die Autoren der Studie vermuten daher, dass es wirtschaftlich stärkeren Haushalten besser gelingt, eine angemessene Pflegeeinstufung durchzusetzen, was in höherem Pflegegeld resultiert.

Im Durchschnitt setzen Pflegehaushalte rund ein Fünftel ihres gesamten Einkommens für die Pflegebedürftigkeit ein. Während jedoch die Haushalte mit einem Nettoeinkommen bis 1.300 EUR rund 39% ihres Einkommens für die Pflege aufbringen müssen, liegt dieser Anteil für Haushalte mit einem Nettoeinkommen von mehr als 3.600 EUR monatlich bei nur etwa 12% (obgleich sie in absoluten Zahlen die größten Ausgaben haben).

[su_box title=“Weitere Info“ box_color=“#000066″]
Pflege in den eigenen vier Wänden Zeitaufwand und Kosten (Hielscher, Volker / Kirchen-Peters, Sabine / Nock, Lukas).
Pflegebedürftige und ihre Angehörigen geben Auskunft. Reihe: Study der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 363.
Düsseldorf:  2017, ISBN: 978-3-86593-272-3. 117 Seiten.

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