Von der Unmöglichkeit bei Schwerbehinderung ein Konto zu eröffnen

Männerhände halten Tablet
Kontoeröffnung per Video-ID-Verfahren © Daniel Berkmann / fotolia.com

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
(Art. 3, Abs. 3, Grundgesetz)

In der Realität geschieht das aber ständig – zumindest in unserer. Ich vermute, bei anderen schwerbehinderten und / oder pflegebedürftigen Menschen ist das nicht anders.

Neueste Hürde: Kontoeröffnung

Mein pflegebedürftiger Mann wollte ein ganz normales Girokonto eröffnen, ohne Dispo, ohne Schnickschnack, ohne Kontogebühren. Erstes Hindernis: Er kann die Wohnung nur noch unter einem solch großen Aufwand und körperlicher Anstrengung verlassen, dass er es seit ca. zwei Jahren nicht mehr tut.

Schöne neue Welt

Gibt ja jetzt auch Anbieter, bei denen man sich mit Video-Ident (von Zuhause mit dem Tablet) statt mit Post-Ident (bei der Post) identifizieren kann! Also Banken recherchiert, die Video-ID anbieten. Die XYZ-Bank (in Wahrheit fängt sie mit N an…) sollte es sein. Konto online eröffnet, Bestätigungscode hin und her, Video-Anruf auf dem Tablet. So weit, so gut.

Schwäche nicht vorgesehen, helfende Partner auch nicht

Der freundliche Mitarbeiter sieht, dass ich neben meinem Mann auf dem Bild bin und ihm das Tablet halte (weil er es selbst nicht mehr kann). Wer sich denn identifizieren wolle? Es dürfe nur die betreffende Person zu sehen und zu hören sein, die das Konto eröffnet. Wir arrangieren uns also so um, dass ich meinem Mann das Tablet derart vor das Gesicht halte, dass ich nicht zu sehen bin. Mein Mann muss seinen Personalausweis vor die Kamera halten, erst von vorne, dann von hinten. Es wackelt, denn mein Mann kann den Ausweis nur mit großer Mühe hochhalten, und auch meine Arme mit dem Tablet werden langsam schwer. Aber ich darf ja nicht helfen, weil ich dann über die Kamera zu sehen wäre…

Konto eröffnet? Denkste.

Irgendwann sagt der Mitarbeiter dann, es habe jetzt funktioniert. Danke sehr, Tschüss, hat ja geklappt. Denkste! Fünf Tage später halten wir ein Schreiben der XYZ-Bank in Händen: Sie würden unser Konto ja gerne einrichten, aber: „Bitte legitimieren Sie sich für die Kontoeröffnung über das Postidentverfahren. Der uns vorliegende Nachweis zu Ihrem Ausweisdokument liegt uns leider nicht in ausreichender Qualität vor und kann daher nicht genutzt werden.“

Identifizierung per Video-ID nur für Gesunde?

Bis dahin hielten wir das Postidentverfahren noch für eine super Sache, gerade für kranke, alte oder behinderte Menschen. Schlagartig wurde uns klar: In den Büros der Banken hat sich keiner auch nur 5 Minuten Gedanken über diese Zielgruppe gemacht – sonst dürfte man seinem schwerbehinderten Ehepartner bei der Videoidentifizierung behilflich sein, sonst würde der jeweilige Mitarbeiter erst dann das OK geben, wenn das Ausweisdokument wirklich lesbar ist, sonst würde man das Video-Ident ein zweites oder drittes Mal durchführen können. Nein, das Verfahren, sich per Video zu identifizieren wurde vermutlich für gestresste, körperlich gut funktionierende Menschen erfunden, die zwar locker zur Post gehen könnten, es aber zeitlich einfach nicht schaffen (wollen).

Benachteiligung bei der Kontoeröffnung

Nichts gegen Nicht-Behinderte, die sich das ohnehin komplizierte Leben etwas einfacher machen wollen (ich selbst habe die Video-Identifizierung bereits genutzt und sie war komfortabel). Aber, liebe Banken: Ihr diskriminiert. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden? Mein Mann kann kein Girokonto eröffnen, jeder Gesunde könnte es.

Wer nun an eine Vorsorgevollmacht in Form einer Generalvollmacht denkt, mit der auch Finanzgeschäfte abgewickelt werden können – die haben wir. Unsere Recherchen haben aber ergeben, dass diese Vollmachten in der Praxis bei einer Kontoeröffnung nicht anerkannt werden. Banken sind nicht verpflichtet, einen Vertrag über ein Girokonto mit jemandem einzugehen. Die Geschichte der versuchten Kontoeröffnung ist nur ein Beispiel der alltäglichen Benachteiligung von behinderten, kranken oder alten Menschen. Ihr kennt sicher weitere.

Welche benachteiligenden Erfahrungen habt Ihr gemacht? Mit Banken, mit Kontos, aber auch mit allen anderen Dienstleistungen?

(Quelle des Beitragsbildes: © Daniel Berkmann / fotolia.com)

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